Vino Nobile oder Montepulciano d'Abruzzo: gleiches Wort, zwei Weine
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Vino Nobile di Montepulciano und Montepulciano d'Abruzzo teilen ein Wort und sonst fast nichts. Der erste ist eine toskanische DOCG aus einer einzigen Gemeinde, Montepulciano, in der Provinz Siena, erzeugt aus Sangiovese, den man dort Prugnolo Gentile nennt. Der zweite ist eine DOC aus den Abruzzen, verteilt auf 189 Gemeinden, gekeltert aus einer roten Rebsorte, die zufällig Montepulciano heißt. Der eine Name meint einen Ort, der andere eine Rebsorte. Wer beides verwechselt, ist nicht unaufmerksam: Das Etikett erklärt den Unterschied so gut wie nie.
Das eine ist eine Stadt, das andere eine Rebsorte
Montepulciano ist eine Hügelstadt in der Provinz Siena. Ihr Wein, der Vino Nobile di Montepulciano, ist eine DOCG, deren Anbaugebiet genau eine Gemeinde umfasst. Keine Provinz, kein Tal: eine Gemeinde, und nicht einmal ganz, denn das Disciplinare nimmt den Talboden der Valdichiana entlang der Bahnlinie aus und schließt vom Gebiet um Valiano nur einen Teil ein.
Montepulciano heißt außerdem eine rote Rebsorte, die entlang der Adriaseite der Halbinsel wächst. Montepulciano d'Abruzzo ist das, was die Abruzzen daraus machen, verteilt auf 189 Gemeinden. Zwischen der Rebsorte und der toskanischen Stadt besteht keinerlei Verbindung, weder ampelographisch noch historisch.
Zwei Rechtstexte, zwei Erzeugnisse, ein gemeinsames Wort. Beide Bezeichnungen tragen im europäischen Register dasselbe Eintragungsdatum, den 18. September 1973. Die Überschneidung war also vom ersten Tag an sichtbar, und niemand wollte sie beheben.
Was steckt tatsächlich in der Flasche?
Vino Nobile di Montepulciano ist Sangiovese: mindestens 70% Prugnolo Gentile, der lokale Biotyp, der Rest bleibt ergänzenden Sorten. Der Ertrag liegt bei höchstens 8 Tonnen Trauben je Hektar, der Mindestalkohol bei 12,5% vol, und der Wein darf erst nach 24 Monaten Reifung in den Verkauf, davon mindestens 12 im Holz. Riserva bedeutet 36 Monate, 6 davon in der Flasche, bei 13% vol. Die Kategorie Pieve zieht alles noch enger: 85% Sangiovese, 7 Tonnen je Hektar, 36 Monate aufgeteilt in 12 im Holz und 12 in der Flasche, von mindestens 15 Jahre alten Reben.
Montepulciano d'Abruzzo verlangt mindestens 85% Montepulciano und bis zu 15% andere nicht aromatische rote Sorten, die für die Region zugelassen sind. Die Obergrenze liegt bei 15 Tonnen je Hektar, der Mindestalkohol bei 12% vol, und der Basiswein kennt überhaupt keine Pflichtreifung: Er darf ab dem 1. Februar nach der Ernte verkauft werden.
Stellt man die beiden Ertragszahlen nebeneinander, 8 gegen 15, hat man die Bauidee beider Bezeichnungen in einer Zeile. Die eine setzt auf Beschränkung und Zeit. Die andere auf eine große, verlässliche regionale Versorgung. Beides ist legitim, nur ist es nicht dieselbe Produktkategorie.
Warum tragen zwei Weine ohne Verwandtschaft denselben Namen?
Italienische Bezeichnungen folgen zwei Namenslogiken, die nie zusammengeführt wurden. Manche Namen sind reine Geografie: Taurasi, Etna, Barolo. Andere binden eine Rebsorte an eine Region: Primitivo di Manduria, Cannonau di Sardegna. Montepulciano lebt in beiden Welten, als toskanische Gemeinde und als adriatische Rebsorte, und das System schützte beide, ohne zu fragen, ob Käufer sie auseinanderhalten können.
Ein Zusatz hätte die Sache 1973 geklärt. Er kam nie, und zu diesem Zeitpunkt hatten beide Namen bereits Jahrzehnte kommerzieller Verwendung hinter sich. Bewegt hat sich dafür die innere Landkarte der Abruzzen: Die Colline Teramane verließen 2003 die DOC und wurden eine eigene DOCG, und das heutige Disciplinare des Montepulciano d'Abruzzo führt neun Untergebiete auf, von Casauria über Teate bis San Martino sulla Marrucina.
Die Doppeldeutigkeit hält sich, weil sie die Erzeuger nichts kostet. Bezahlt wird sie von denen, die einkaufen, meist in dem Moment, in dem sie zwischen einer Flasche für 9 Euro und einer für 30 Euro stehen und den Abstand nicht erklären können.
Wie erkennt man sie im Regal?
Zuerst das Kürzel und die Region. Vino Nobile di Montepulciano heißt immer DOCG und immer Toskana. Montepulciano d'Abruzzo heißt immer DOC und immer Abruzzen. Diese eine Zeile klärt die Frage in zwei Sekunden.
Der zweite Hinweis ist die Wortstellung. Folgt auf Montepulciano eine Region mit vorangestellter Präposition, wie in d'Abruzzo, halten Sie einen Rebsortenwein in der Hand. Steht Montepulciano nach einem di und beginnt die Formel mit Vino Nobile, halten Sie einen Ort in der Hand. Eine Flasche, auf der nur Montepulciano steht, ganz ohne geografischen Zusatz, ist ein Sortenwein unter einer weiter gefassten Bezeichnung und hat mit der Toskana nichts zu tun.
Das dritte Signal ist das Wort riserva. Auf dem einfachen Montepulciano d'Abruzzo ist es schlicht verboten, zusammen mit superiore, fine, scelto und selezionato: Es darf nur auf den Weinen der Untergebiete stehen, wo es 24 Monate Reifung mit 6 Monaten im Holz verlangt. Beim Vino Nobile ist Riserva dagegen eine reguläre Kategorie, gedeckt durch 36 Monate.
Welchen von beiden öffnen Sie heute Abend?
Sie beantworten verschiedene Fragen. Montepulciano d'Abruzzo ist tiefes Rubinrot mit violettem Rand, rote Frucht und Gewürz in der Nase, füllig und leicht tanninbetont im Mund. Er trägt Tomate, gegrilltes Fleisch, Pizza und Schafskäse, ohne Aufmerksamkeit zu fordern, und die meisten Flaschen kosten weniger als der Käse dazu.
Vino Nobile ist eine Flasche, um die man plant. Zwei Jahre mindestens, bevor sie Sie erreicht, davon mindestens eines im Holz, Rubin, das ins Granatrot wechselt, trocken und lang im Nachhall, mit möglicher Holznote. Braten, Wild, lange gereifter Käse. Und er entwickelt sich nach dem Kauf weiter, wofür der einfache Abruzzese gar nicht gebaut ist.
Jetzt der unbequeme Teil. Wer sagt, Vino Nobile sei der ernste Wein und Montepulciano d'Abruzzo der billige, vergleicht eine einzige Gemeinde mit 86 in unserem Atlas erfassten Erzeugern mit einer regionalen Bezeichnung über 189 Gemeinden und 50 erfassten Erzeugern. Stellen Sie einen guten Vino Nobile neben einen guten Montepulciano aus einem Untergebiet wie Teate oder Terre dei Vestini, und das Preisargument bricht zusammen. Der Unterschied liegt nicht in der Qualität, sondern im Maßstab.
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FAQ
Wird Montepulciano d'Abruzzo in der Stadt Montepulciano erzeugt?
Nein. Er wird in den Abruzzen erzeugt, verteilt auf 189 Gemeinden, aus einer Rebsorte namens Montepulciano. Die toskanische Stadt hat damit nichts zu tun.
Aus welcher Rebsorte entsteht Vino Nobile di Montepulciano?
Aus Sangiovese, mindestens 70%, vor Ort Prugnolo Gentile genannt. Die Kategorie Pieve hebt das Minimum auf 85% an.
Welcher von beiden reift länger?
Vino Nobile, mit großem Abstand: mindestens 24 Monate, davon mindestens 12 im Holz, und 36 Monate für die Riserva. Der einfache Montepulciano d'Abruzzo hat gar keine Mindestreifung, nur den Verkaufsstart am 1. Februar.
Bedeutet DOCG besser als DOC?
Es bedeutet strengere Regeln, nicht besseren Wein. Vino Nobile deckelt den Ertrag bei 8 Tonnen je Hektar gegenüber 15 bei der DOC aus den Abruzzen. Was ein einzelner Erzeuger innerhalb dieser Grenzen tut, ist eine andere Frage.
Darf ein Montepulciano d'Abruzzo riserva heißen?
Nur wenn er aus einem der neun Untergebiete stammt, wo riserva 24 Monate Reifung mit 6 Monaten im Holz verlangt. Auf der einfachen DOC ist das Wort verboten, ebenso superiore, fine, scelto und selezionato.
Built from the official EU registration and product specification for this denomination — see Sources & methodology.